Michaelerplatz: Ort mit Geheimnissen

Gleich neben der ehemaligen Kaiserresidenz, der Hofburg, liegt der Michaelerplatz. Er beherbergt wahre Gustostücke der Geschichte und Gegenwart Wiens: von der Michaelerkirche bis zu römischen Ausgrabungen.

Nicht nur der große Entertainer Peter Alexander hat ihn besungen, den Platz in der Wiener Innenstadt, beziehungsweise das Burgtor ebendort. „Beim Burgtor am Michaelerplatz, da hat oft gewartet mein lieber Schatz.“ Das ist der erste Satz des Liedes des Wienerlied-Komponisten Ernst Arnold aus dem Jahre 1923. Der Michaelerplatz liegt genau vor der Michaelerkuppel, dem stadtseitigen Haupteingang der Wiener Hofburg. Der Platz bildet den Schnittpunkt von Schauflergasse, Herrengasse, Kohlmarkt und Reitschulgasse, die sternförmig von ihm ausgehen. Zu entdecken gibt es hier einiges, während immer wieder Fiakerkutschen vorbeifahren.

Benannt nach Pfarrkirche St. Michael

Seinen Namen hat der Platz um 1850 bekommen, nach der Pfarrkirche St. Michael, die Babenbergerherzog Leopold VI. 1221 gestiftet hat. 1725 wurde der über Jahrhunderte äußerst unregelmäßige Platz durch die Planungen von Joseph Emanuel Fischer von Erlach für den Michaelertrakt der Hofburg neu konzipiert. Die barocken Pläne wurden aber erst mehr als 160 Jahre später realisiert, im Zusammenhang mit dem Abriss des alten Burgtheaters, das mitten am Platz stand.

Der Michaelerplatz im „Wien heute“-Porträt

Der Michaelerplatz beherbergt wahre Gustostücke der Geschichte und Gegenwart Wiens: von der Michaelerkirche bis zu römischen Ausgrabungen.

Um den Michaelerplatz gruppiert sich eine Reihe interessanter Gebäude. Da ist etwa der Michaelertrakt der Hofburg mit Kuppel über der Durchfahrt zum Burgtor. An der Ecke zur Herrengasse befindet sich das Palais Herberstein, ein neubarockes Zinspalais. Seit 1847 befand sich darin das legendäre Café Griensteidl, das der Treffpunkt Wiener Literaten war – von Franz Grillparzer über Hugo von Hofmansthal, Arthur Schnitzler und Karl Kraus bis zu Stefan Zweig. Direkt vom Palais Herberstein weg führt die Herrengasse. Sie war einst Sitz des landständischen Adels und ist eine der ältesten Straßen Wiens. Heute noch finden sich dort mehrere Palais und das Niederösterreichische Landhaus.

Das „scheußliche“ Looshaus

Für Aufruhr in der Kaiserstadt sorgte das Gebäude daneben: das Looshaus, das Anfang des 20. Jahrhunderts nach Entwürfen des berühmten Architekten Adolf Loos errichtet wurde. Die Wiener nannten es „Haus ohne Augenbrauen“, weil es keine Fensterverdachungen hatte, die damals üblich waren. Es heißt, dass Kaiser Franz Joseph den Rest seines Lebens vermieden hat, die Ausfahrt am Michaelerplatz zu benutzen. Außerdem soll er die Fenster der Hofburg vernageln lassen haben, um das „scheußliche“ Haus nicht mehr sehen zu müssen.

Den Michaelerplatz finden sie im 1. Wiener Gemeindebezirk, U3 Station Herrengasse, Bus 1A Station Michaelerplatz, Straßenbahn 1, 2, 46, 49 Station Dr. Karl Renner Ring

Der Kohlmarkt von heute, die Straße führt gleich neben dem Looshaus vom Michaelerplatz bis zum Graben, hätte wohl auch dem Kaiser gefallen: Juweliere neben Filialen internationaler Exklusiv-Modelabels machen die Straße zur Luxusmeile Wiens.

Loch im Zentrum des Platzes

Segen von oben kommt am Michaelerplatz in einem der historisch und kulturell bedeutendsten Kirchenbauwerke Wiens, der Michaelerkirche, erbaut im 13. Jahrhundert: Die Michaelerkirche ist einer der wenigen romanischen Bauten in Wien. Manche Elemente der Kirche wurden nachträglich auch im barocken Stil oder klassizistisch überbaut. Seit 1923 wird die Kirche von den Salvatorianern betreut. Unterhalb der Kirche befindet sich die Michaelergruft. Manche Leichen verwesten dort aufgrund besonderer klimatischer Eigenschaften nicht, sondern wurden mumifiziert.

Making-of am Michaelerplatz

Im Zentrum des Michaelerplatzes ist ein großes aber durchaus interessantes Loch: seit 1991 sind dort archäologische Ausgrabungen freigelegt, Teile davon kann sich jedermann anschauen. Zwischen 1989 und 1991 ist der Michaelerplatz archäologisch untersucht worden. Gefunden wurden Baureste aus verschiedenen Jahrhunderten. Das Fundament eines großen, turmartigen Grabdenkmals und römische Häuser mit Fußbodenheizung, und Wandmalereien, die aus dem zweiten bis fünften Jahrhundert stammen, ebenso wie mittelalterliche und neuzeitliche Reste, wie Fundamentreste des alten Hofburgtheaters.

Erste Gasbeleuchtung Wiens

Zwei bemerkenswerte Premieren gab es übrigens im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts: Im Herbst 1838 wurde die erste öffentliche Gasbeleuchtung der Stadt genau am Michaelerplatz installiert, ein Gaskandelaber mit sechs Flammen. Und 1927 ist am Platz der erste Kreisverkehr Wiens eingerichtet worden, den gibt es auch heute noch. Genauso wie die Möglichkeit, in die Geschichte einzutauchen, an einem Platz mitten in Wien.

Elisabeth Vogel, „Wien heute“

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