Schauspielerin Hilde Sochor verstorben

Die Schauspielerin Hilde Sochor ist tot. Wie das Volkstheater mitteilte, verstarb die Doyenne des Hauses am Mittwoch im Alter von 93 Jahren in Wien. Sochor spielte in ihrer 65 Jahre dauernden Karriere mehr als 300 Rollen.

Die gebürtige Wienerin prägte unter der Leitung ihres Ehemanns Gustav Manker (gestorben 1988) das legendäre Nestroy-Ensemble am Volkstheater, dessen Ensemble sie von 1949 bis 1996 als aktives Mitglied angehörte, wesentlich mit. Ihre Kollegen, schreibt Intendantin Anna Badora am Freitag, „trauern um eine Ikone“.

Gesellschaftspolitisches Engagement

„Mit Hilde Sochor verliert das Volkstheater eine der größten Persönlichkeiten“, sagte Volkstheater-Intendantin Badora in einer Aussendung. "Wie keine andere hat sie es verstanden, mit Herzenswärme, Witz und Klugheit in die Seelen ihrer Figuren einzutauchen. In der wechselvollen Geschichte des Volkstheaters nach dem Krieg hat wohl niemand den Ausdruck Volksschauspielerin so sehr verdient und so sehr zu einer Auszeichnung gemacht wie Hilde Sochor.

TV-Hinweis

Der ORF ändert in memoriam Hilde Sochor sein Programm und zeigt Freitagabend um 22.45 Uhr in ORF2 die Dokumentation „Das Leben brennt heut’ wieder sehr!“. ORF III zeigt am Sonntag um 13.15 Uhr „Mütter: Hilde Sochor und ihre Kinder“.

Mit ihren schauspielerischen Leistungen sei stets auch gesellschaftspolitisches Engagement einhergegangen: „Mit ihrem ganzen Charme und ihrem einnehmenden Wesen diente sie auf der Bühne immer auch der Aufklärung und dem gegenseitigen Verstehen.“

In „Weiberhaushalt“ aufgewachsen

Am 5. Februar 1924 in Wien-Breitensee geboren, wuchs Sochor bei der geschiedenen Mutter, zwei Schwestern und der Großmutter auf, in einem „Weiberhaushalt“, wie sie selbst in einem Interview meinte. Zunächst studierte sie Germanistik und Theaterwissenschaft und nahm gleichzeitig Schauspielunterricht bei Leopold Rudolf und Wolfgang Heinz.

Finanziert hat sie ihre Ausbildung als Kasperltheater-Spielerin an diversen Schulen. 1948 promovierte sie und legte auch die Schauspielprüfung ab. Im selben Jahr debütierte sie an den Kammerspielen (in Alexander Lernet-Holenias „Parforce“) und erhielt auch ihre erste Rolle am Volkstheater in Anzengrubers „Der Pfarrer von Kirchfeld“.

Sochor

APA/HELMUT FOHRINGER

1956 heiratete sie den Regisseur, Bühnenbildner und Theaterleiter Gustav Manker, unter dessen Leitung sie viele wichtige Rollen des Repertoires spielte und ein legendäres Nestroy-Ensemble am Volkstheater, dem sie bis 1996 als aktives Mitglied angehörte, wesentlich mitprägte. In rund 30 Nestroy-Produktionen stand Sochor auf dieser Bühne, wesentliche Rollen verkörperte sie zudem in Stücken von Anzengruber, Brecht, Hauptmann, Ibsen, Schönherr, Wedekind, Williams oder Raimund.

„Glückliches Leben“

Leicht hatte es die dreifache Mutter in diesen Jahren nicht, und den Kindern zuliebe verzichtete sie auf internationale Tourneen. 1956 wurde Katharina geboren, 1958 folgte Paulus, und 1967 Magdalena. Als „Familienmensch“ wollte sie bei ihrem Mann, „bei meiner großen Liebe“, und ihren Kindern sein, begründete Sochor im Interview mit „Der Standard“ 2014 ihre Entscheidung. „Das glückliche Leben, das ich hatte, ist in erster Linie auf mein Privat- und nicht auf das Berufsleben zurückzuführen“, sagte Sochor.

1980 verkörperte sie neben Karl Merkatz die Frau Bockerer in der Wiederentdeckung des Stücks „Der Bockerer“ am Volkstheater und später auch in Berlin. In Joshua Sobols „Weiningers Nacht“ stand Sochor 1988 zusammen mit ihrem Sohn Paulus Manker, der auch Regie führte, auf der Bühne des Volkstheaters. Es sollte die einzige gemeinsame Arbeit bleiben.

Zu den Glanzlichtern ihrer letzten aktiven Jahre gehören ihre Maria in Turrinis „Josef und Maria“, ihre Großmutter in Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald“, „Späte Gegend“ von Lida Winiewicz und das Werner-Schwab-Programm „Seele brennt!“. 2007 absolvierte sie mit ihrem Soloprogramm „Ich bin ein Kind der Stadt“ die Tournee des Volkstheaters in den Bezirken.

Schlagfertige Doyenne

Sochor hat auch selbst Regie geführt, etwa in Nestroys „Haus der Temperamente“ 1990. Neben dem Theater hat sie seit ihren Anfängen immer wieder für das Fernsehen gearbeitet. Als eine der ersten gehörte Sochor auch der legendären Stegreifserie „Familie Leitner“ an. Daneben wirkte sie in einer ganzen Reihe von Hörspielen mit, ihre TV-Serien - von „Hallo Hotel Sacher“ über „Familie Merian“ bis „Kaisermühlen-Blues“ - haben sie auch österreichweit populär gemacht. Zehn Jahre lang plauderte sie in der Sendung „Im Konzertcafe“ als Großmutter über Wien.

Nachruf Hilde Sochor

Die Volkstheater-Doyenne ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

An ihrer Heimatstadt hatte die schlagfertige Doyenne allerdings stets auch einiges auszusetzen. „Wir wissen ja alle, wie das goldene Wiener Herz ausschaut! (...) Die Wiener Seele ist ein Kunstobjekt, das nur auf der Theaterbühne leben kann“, sagte sie einmal zur APA.

Eine Wiener Tradition, die von ihr daher stets hochgehalten wurde, war eben jene des Volkstheaters im Sinne eines Theaters für das Volk. „Das ist Shakespeare genauso wie Brecht, der wahrscheinlich größte deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts.“ Und natürlich Nestroy, der heute allerdings nur noch schwer spielbar sei - „weil es einfach diese Typen kaum mehr gibt“.

Nestroy für Lebenswerk

Für den Nachwuchs sorgte sie selbst bis 1993 als Leiterin der von ihr begründeten Schauspielschule des Volkstheaters. Auszeichnungen hat die große Schauspielerin viele erhalten, neben dem Lebenswerk-Nestroy 2007 u. a. den Nestroy-Ring der Stadt Wien, den Karl-Skraup-Preis (heute: Dorothea-Neff-Preis) oder das Goldene Verdienstkreuz des Landes Wien.

Der Titel „Kammerschauspielerin“ wurde ihr natürlich ebenso verliehen wie der des „Professors“. 2012 erschien ihre Autobiografie „Kinder, Küche, Bühne. Ein Leben in Bildern und Anekdoten“ im Amalthea Verlag.