Dem Beschluss am 27. Februar 1997 ging eine heftig geführte Diskussion voran. Der damalige Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) sprach von „Anachronismus“, also einer zeitlichen Überholtheit. Madeleine Petrovic, die damalige Klubobfrau der Grünen, schloss auf eine Angst vor Frauen als Konkurrentinnen im „Männerbund“. Auch Bundeskanzler Viktor Klima (SPÖ) appellierte, „dass es ein kreatives Potenzial auch in der anderen Hälfte der Menschheit“ gäbe.

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks schlug die Debatte Wellen. So drohte die New Yorker Carnegie ab 1998 mit Hausverbot. Auch die Internationale Allianz für Frauen in der Musik (IAWM) mit Sitz in Washington kündigten Demonstrationen an.
Vorstand drohte mit Auflösung
Der öffentliche Druck setzte den Philharmonikern zu. Der damalige Vorstand Werner Resel sprach von „typischem Austromasochismus“. Er sagte: „Was gut funktioniert, wird in diesem Land von Extremisten schlecht gemacht und vernichtet.“ Zudem drohte er mit der Auflösung der Philharmoniker: „Wir sind ein Privatverein und lassen uns nicht reinreden. Wenn man uns diesbezüglich ständig unter Druck setzt, lösen wir uns auf.“
Deshalb traten die Wiener Philharmoniker am 27. Februar zu einer Vollversammlung im Orgelsaal der Wiener Staatsoper zusammen. Nach vier Stunden wurde beschlossen, die erste Frau, Anna Lelkes, aufzunehmen. Die damals 57-jährige gebürtige Budapesterin galt als Meisterin an der Harfe und besaß schon seit 1974 die österreichische Staatsbürgerschaft.
Heute 23 Frauen und 124 Männer
Erst 2006 wurden dann die nächsten Frauen bei den Wiener Philharmonikern aufgenommen. Heute sind von 147 derzeit besetzten Orchesterstellen 23 von Frauen eingenommen, was einem Frauenanteil von 15,6 Prozent entspricht. Der vergleichsweise niedrige Anteil liegt auch an der Vereinsstruktur. Für einen Platz bei den Philharmonikern können sich nur Musikerinnen und Musiker des Orchesters der Staatsoper bewerben, sobald einer der fix limitierten Plätze frei wird. In Pension gehen Mitglieder für gewöhnlich mit 65.
An der Spitze des Orchesters dauerte es noch länger bis auch eine Frau dirigierte. Im Jänner 2005 war Simone Young die erste Frau am Pult der Wiener Philharmoniker. Der wohl prestigeträchtigste Posten, nämlich das Dirigieren des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker ging bisher noch nie an eine Frau.

Frauenanteil auch im Vergleich niedrig
Im Vergleich dazu verkündeten die Berliner Philharmoniker bereits 1982 die Aufnahme der ersten Frau in ihren Reihen. Trotzdem ist ihr Frauenanteil heute mit 17,4 Prozent nicht deutlich höher als der ihres Wiener Gegenstücks. Ein Viertel des internationalen Ensembles MusicAeterna besteht aus Frauen.
Laut einer Studie des deutschen Musikinformationszentrums aus dem Jahr 2021 liegt der durchschnittliche Frauenanteil bei den 129 öffentlich geförderten Orchestern Deutschlands bei rund 40 Prozent. Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester hat eine Frauenquote von 41,4 Prozent.