Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou im Rahmen der Landesversammlung der Wiener Grünen
APA/Herbert Neubauer
Politik

Vassilakou will Beraterin werden

Die grüne Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou wird ihre Funktion am 26. Juni an Noch-Gemeinderätin Birgit Hebein übergeben. Danach möchte sie ihre Erfahrung im Städtemanagement weitergeben und etwa Städte in Asien und Afrika beraten.

Im Interview mit der APA zeigte sie sich zufrieden mit ihrer neunjährigen Amtszeit: „Was ich mir vorgenommen habe, habe ich auch erledigen können, das attestiert mir ja Freund und Feind.“ Was sie jedoch vermisse, sei eine „gemeinsame rot-grüne Erzählung“. Die scheidende Verkehrs- und Planungsstadträtin hat schon vor Monaten ihren Rückzug angekündigt. Somit habe sie nun länger Zeit gehabt, Abschied zu nehmen, wie sie sagte.

Dieser sei ihr von vielen Dingen leichter gefallen, als man meine: „Eine Sache fällt mir aber schwer und sie wird mir bis zum Schluss wehtun. Und das ist der Abschied von Menschen, mit denen man zusammengewachsen ist.“

Maria Vassilakou und Spitzenkandidatin Birgit Hebein im Rahmen der Landesversammlung der Wiener Grünen
APA/Herbert Neubauer
Am 26. Juni wird Maria Vassilakou an Birgit Hebein übergeben

„Wiener Erfahrung international einbringen“

Gleichzeitig freue sie sich auch sehr auf den nächsten Lebensabschnitt: „Ich finde, es tut gut, mit 50 noch einmal von vorne zu beginnen, das lässt einen sich wieder jung fühlen. Mit Blick auf meine langjährige Erfahrung möchte ich das machen, was ich am liebsten tue, nämlich im Städtemanagement bleiben, meine Wiener Erfahrung international einbringen.“ Städte würden rapide wachsen und hätten viele Herausforderungen zu meistern. Diesbezüglich schaue man oft auf Wien. Vassilakou möchte vor allem in Städten in Afrika und Asien bei konkreten Projekten beratend mitwirken.

Was von ihrem Wirken in Wien bleibe? Die Grün-Politikerin – die offiziell nie Parteichefin war, da es diese Funktion bei den Wiener Grünen nicht gibt – verweist hier auf „große Projekte“ wie die 365-Euro-Jahreskarte sowie die Mariahilfer Straße und die Rotenturmstraße: „Sprich, die große Offensive in der Neugestaltung des öffentlichen Raums.“

Wien als „pulsierende, junge, offene“ Stadt

„Was ich das Wichtigste finde, ist ehrlich gesagt das Gesamtbild, das Wien derzeit ausstrahlt. Eine pulsierende, junge, offene Stadt, die von Hunderten Projekten in den vergangenen Jahren profitiert hat und auf die die Welt schaut. Eine Stadt, die auch international eine Vorbildrolle eingenommen hat, nämlich wenn es darum geht, in welche Richtung sich Städte entwickeln.“ In Wien sei das gute Leben für alle möglich und leistbar – und den Bürgern werde das eigene Denken dabei auch nicht „aberzogen“.

Große Vorhaben, die sie nicht umsetzen konnte, würden ihr nicht einfallen, jedoch: „Wenn ich sage, was mir alles übrig geblieben ist, sitzen wir bis am Abend, und zwar weil ich jeden Tag eine Idee habe, was wir noch angehen könnten.“

Die Wiener Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (l.), Neubau-Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger (r.) bei der Schlusssteinlegung der Mariahilfer Straße
APA/Hans Klaus Techt
Bei der Vorbereitung der Mariahilfer Straße neu würde Vassilakou heute einiges anders machen

Vorbereitung der „Mahü“ „suboptimal“

Ob sie auch Fehler gemacht habe? Wenn man sich viel vornehme, mache man auch Fehler, bat sie um Nachsicht. Eher suboptimal lief nach Ansicht der Noch-Ressortchefin etwa die Vorbereitung des Fuzo-Projekts Mariahilfer Straße: „Ich würde nicht noch einmal zwei Jahre verstreichen lassen zwischen Ankündigung und Umsetzung.“ Und auch der Testlauf ohne Umbau der Straße war laut Vassilakou keine gute Idee. Heute würde sie sofort einen Abschnitt umgestalten.

Doch insgesamt fällt auch hier das Fazit positiv aus: „Die Kontroversen sind eindeutig weniger geworden. Ich denke, dass die Mariahilfer Straße der Testlauf war, wie alle an meinen Haaren raufen, bis es fertig gebaut war. War es einmal fertig gebaut, ist die allgemeine Anerkennung, dass es schön ist und dass es funktioniert, gekommen. Und danach waren alle Projekte im öffentlichen Raum reibungsloser.“

Kritik an Rotenturmstraße „nicht nachvollziehbar“

Was nicht bedeutet, dass die Dispute gänzlich ausblieben. Zuletzt hat etwa der erste Bezirk das Vorgehen in Sachen Rotenturmstraße – die nun ebenfalls umgebaut wird – bemängelt: „Was die Rotenturmstraße betrifft, ist es das erste Mal, dass ich die Kritik nicht nachvollziehen kann.“ Eine Straße aufzuwerten und der Bezirk lehne das ab, das verstehe sie nicht, zeigte sich Vassilakou verwundert.

Rendering Rotenturmstraße
beyer
Der Umbau der Rotenturmstraße ist eines der letzten Projekte von Vassilakou

So ziemlich gegenteilig von reibungslos verlief und verläuft auch der geplante Turmbau am Heumarkt. Vassilakou hofft, dass es hier zu einer Einigung mit der UNESCO, die mit der Aberkennung des Prädikats Weltkulturerbe für das historische Zentrum droht, kommt. Es sei wichtig, Weltkulturerbe zu schützen, und man solle auch die UNESCO nicht schwächen, hob die Stadträtin hervor. Man müsse jedoch die Partnerschaft zwischen der Organisation und den Städten auf neue Beine stellen: „Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dort, wo der Dialog gepflegt wird, lässt sich am Ende eine gemeinsame Lösung finden.“

„Ausgezeichnete“ Zusammenarbeit mit SPÖ

Apropos gemeinsam: Gefragt nach der Kooperation mit dem Koalitionspartner SPÖ kommt die langjährige Stadtvizechefin nahezu ins Schwärmen: „Ich würde sagen, rückblickend waren es neun Jahre ausgezeichneter Zusammenarbeit, in denen man einander unterstützt hat, in denen man einander nicht behindert hat, sondern jeder die Möglichkeit hatte, die Stadt weiterzubringen. Neun Jahre, in denen Hunderte Projekte weitergegangen sind und von denen die Stadt profitiert hat. Wie geht es sonst, dass man zehn Jahre lang hintereinander zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität gekürt wird?“

Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou und Bürgermeister Michael Ludwig
APA/Roland Schlager
Vassilakou vermisst eine gemeinsame rot-grüne Erzählung

„Was uns nicht gelungen ist, leider, ist, zu einer gemeinsamen Erzählung zu finden, wofür Rot-Grün steht. Meine Hoffnung ist, dass es gelingt, den Weg zu finden in die Herzen der Wienerinnen und Wiener“, sagte Vassilakou. Das sei nach „Ibiza“ wichtiger denn je: „Denn es stehen Wahlen an, und es ist mir wichtig, dass die FPÖ und alles, wofür sie steht und was sie vorhat, wie wir seit dem ‚Ibiza-Video‘ wissen, nie mehr in eine Position kommt, wo sie Regierungsverantwortung hat.“

Keine „guten Ratschläge“ für Partei

Als bald „einfache Wählerin“ will Vassilakou allfällige weitere Fragen zum bevorstehenden Urnengang nicht beantworten – also etwa zur Spitzenkandidatur, zur Wiener Liste oder zu möglichen Gesprächen mit der Liste Jetzt: „Was ich sicher nicht tun werde, ist jetzt, gute Ratschläge zu geben.“

Unbehagen bereite ihr jedoch allgemein der Umgang mit Frauen in der Politik, wie sie betonte. Das beziehe sich jetzt explizit nicht auf sie selber: „Denn ich hab nun mal wirklich keine Kontroverse gescheut.“ Sie beobachte den Umgang mit weiblichen Kolleginnen jedoch mit wachsender Sorge: „Kritik muss jeder von uns aushalten können, aber die Enthemmung, die Art, wie diese Kritik angebracht wird, ist eine, die bei männlichen Pendants nicht einmal annähernd auszudenken wäre.“

Ratschläge an ihre Nachfolgerin Birgit Hebein habe sie keine. Sie wolle ihr aber eine Erkenntnis schenken: „You never walk alone. Weil alles, was wir im Leben schaffen, ist immer die Arbeit auch von denjenigen, die uns am Weg begleiten.“